Möglichkeiten (und Grenzen) von Raumpionieren für Kleinstädte

Kloster Posa in Zeitz | Foto: Franziska Görmar

Kloster Posa in Zeitz | Foto: Franziska Görmar

| Viele ländliche Regionen haben heute mit großen Herausforderungen zu kämpfen. Ein mangelndes Angebot an Arbeitsplätzen und eine schlechter werdende Infrastruktur führen dazu, dass vor allem junge Menschen diese Räume verlassen und in nahe gelegene Großstädte ziehen. Ein Ergebnis sind drastisch schrumpfende Ortschaften mit leerstehenden und maroden Häusern.

Entgegen dieser negativen Entwicklungen gibt es auch junge Erwachsene, die gerade in solche bedrohten Kleinstädte wie beispielsweise Grimma oder Zeitz ziehen, um dort ihre Ideen zu verwirklichen und neue Initiativen und Unternehmen zu gründen. In Deutschland nennt man solche Menschen „Raumpioniere“, in Portugal „Novos Rurais“.

Sozioökonomische Ansätze solcher Raumpioniere in ländlichen Räumen waren Thema der diesjährigen Sommerschule des Projekts „RurAction“. 20 ForscherInnen, DoktorandInnen und PraktikerInnen aus zwölf  verschiedenen Ländern Europas kamen Anfang Juni für eine Woche in Zeitz zusammen, um über diese Entwicklungen zu diskutieren. Der Blogbeitrag fasst einige Eindrücke zusammen.

Organisiert wurde die Sommerschule vom Leibniz-Institut für Länderkunde in Leipzig und vom Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung in Erkner. Die Seminarräumlichkeiten wurden vom Kloster Posa zur Verfügung gestellt. Das Kloster Posa ist ein Ort für Kunst, Bildung und Wohnen und befindet sich auf dem Gelände des ehemaligen Benediktinenklosters in Zeitz, dessen ältestes Gebäude seit dem Jahr 1100 besteht. Im Rahmen der Sommerschule wurden außerdem auch andere Initiativen und Gemeinden in der Umgebung besucht, sowie das Haus- und Gartenprojekt Lobelei in Lobstädt und das Dorf der Jugend in Grimma.

Unterschiedlich verankterte Einzelininitiativen als ein Teil globaler Prozesse

Sowohl in Portugal als auch in Deutschland gibt es einige junge Erwachsene, die Interesse daran haben, von der Großstadt aufs Land zu ziehen. Im deutschen Raum wird hierbei vor allem der sozialinnovative Charakter und das Veränderungspotential dieser Raumpioniere hervorgehoben (z.B. Willisch 2013, 69).

In Portugal haben Raumpioniere vor allem nach der letzten Finanzkrise stark an Bedeutung gewonnen. Diese bezeichnen sich explizit als „neue Landeinwohner“ (Novos Rurais 2017). Im Gegensatz zu Deutschland scheint der Fokus hier stärker auf den Themen Ökologie, Einkommenssicherung und Gewinnung neuer Investitionen (Novos Rurais 2017; Voz do Campo 2017) zu liegen.

Diese länderspezifischen Unterschiede weisen auf unterschiedliche Herausforderungen und Potentiale der dort lebenden jungen Erwachsenen hin, mit denen diese jedoch kreativ mit vergleichbaren Maßnahmen umgehen. In den Diskursen beider Länder spielt vor allem die Verbindung zwischen Kleinstädten und Dörfern, Großstädten und Umland eine große Rolle.

Laut Philipp Baumgarten (Gründungsmitglied des Kloster Posa) entstand der erste Impuls, Posa zu gründen, im städtischen Raum. Dort gab es viele kreative Ideen, es mangelte jedoch an Räumlichkeiten, um diese auch zu verwirklichen. In Zeitz standen hingegen unzählige alte, ehemals sehr schöne Gebäude leer und waren vom Abriss bedroht.

Auch das Haus- und Gartenprojekt Lobelei ist aus solchen leerstehenden Gebäuden entstanden. Der Hof wurde mit Unterstützung des Netzwerks „Mietshäusersyndikat“ gekauft, das aus der urbanen Besetzerbewegung entstanden ist. Die EinwohnerInnen der Lobelei arbeiten in Leipzig und heißen häufig Freiwillige und Gäste aus der Stadt auf dem Hof willkommen.

Unternehmertum? Vielleicht, aber was für eine Art Unternehmertum?

Sozialarbeiter Tobias Burdukat erzählt über das Dorf der Jugend | Foto: Franziska Görmar

Sozialarbeiter Tobias Burdukat erzählt über das Dorf der Jugend | Foto: Franziska Görmar

„Das ist nur ein Hobby“, sagt Baumgarten lächelnd. Er unterhält  mehrere Projekte, um seinen Lebensunterhalt zu sichern. Alle zusammen fördern sie jedoch die große Vision der Klostergruppe; unbenutzte ländliche Räume mit neuen Ideen und Denkweisen wiederzubeleben.

Das Dorf der Jugend hingegen wird von einem Sozialarbeiter aus Grimma begleitet. Ziel ist es, einen unkommerziellen, offenen Veranstaltungsort für und mit Jugendlichen in einer ehemaligen „Spitzenfabrik“ der Stadt Grimma zu bauen.

Manchmal werden solche Initiativen auch als „Sozialunternehmen“ bezeichnet. Häufig wird mit diesem Begriff auch Wachstumsorientierung (Siebold 2018), Effizienz und Unabhängigkeit von öffentlichen Fördermittel assoziiert (Thompson 2008, 154-155; Chell 2007, 16-17). Laut Lars Hulgard (2018) ist diese Assoziation Teil eines neoliberalen Diskurses des Sozialunternehmertums. Das EMES-Netzwerk (ein internationaler Forschungsverbund zum Thema) definiert Sozialunternehmertum hingegen als ein Phänomen, in dem hybride Einkommensquellen und Zusammenarbeit mit der öffentlichen Hand wichtige  Bestandteile sind, wie es auch die Beispiele Posa und das Dorf der Jugend veranschaulichen (Defourny & Nyssens 2012). Darüber hinaus wäre es manchmal treffender in diesem Zusammenhang von sozialen Innovationen, zivilgesellschaftlichen Engagement oder sozial-/solidarökonomischen Initiativen zu sprechen.

Unabhängig von der Definition dieser Initiativen ist es nötig, die ambivalenten und vielseitigen Wirkungen der Zusammenarbeit zwischen Kommune und sozioökonomischen AkteurInnen zu verstehen. Während sowohl das Kloster Posa als auch das Dorf der Jugend entweder kommunale Räumlichkeiten oder Fördermittel beantragen und Veranstaltungen mit der Kommune organisieren, öffnen sie auch neue Diskussions- und Kooperationskanäle mit den Behörden. Dadurch können beide Seiten von der jeweiligen anderen Arbeitsweise lernen und die Lokalpolitik kann von neuen Ideen, frischer Energie und Mitgestaltungskompetenzen profitieren. Diese Zusammenarbeit ist zwar am Anfang nicht immer leicht und ergiebig, aber vielleicht kann genau deswegen später daraus etwas ganz Unerwartetes entstehen.

Einige Übernachtungs- und Seminarräumlichkeiten in Kloster Posa | Foto: Franziska Görmar

Einige Übernachtungs- und Seminarräumlichkeiten in Kloster Posa | Foto: Franziska Görmar

Teilnahme hinter den Kulissen

Rory Ridley-Duff (2018), der ebenfalls seine Gedanken in der Sommerschule in Zeitz entfaltete, betont, dass es wichtig sei, nicht nur die soziale Wirkung dieses Unternehmertums nach außen, sondern auch die demokratischen Entscheidungsstrukturen innerhalb der Organisationen zu berücksichtigen. Diese waren bei allen Initiativen, die wir besucht haben, von großer Bedeutung. In Grimma beispielsweise setzten sich aktive Jugendliche dafür ein, auch andere Jugendliche, die keine Eigeninitiative und kein Interesse zeigten, vom Projekt zu überzeugen und mit ins Boot zu holen.

Trotz alledem gibt es Hürden, die solche Initiativen selbst nur sehr schwer ändern können. Hierzu zählen die Bedingungen, unter denen diese ihre Räumlichkeiten und ihre dörfliche Infrastruktur entwickeln. Weil beispielsweise das denkmalgeschützte Kloster der Stadt Zeitz gehört, können die Menschen in Posa nicht von ähnlichen Kollektiveigentumsstrukturen wie dem Mietshäusersyndikat profitieren. Dadurch können sie keine Kredite erhalten, die wiederum wichtig für Renovierungen wären. Projektförderungen gibt es weder für Umbauten noch für die Kosten der Baugenehmigungen, bestätigen die Engagierten sowohl aus Posa als auch aus dem Dorf der Jugend.

Zusammenfassend sollte man also nicht allzu schnell sozialökonomische Initiativen mit den gleichen Erwartungen konfrontieren wie profitorientierte Unternehmen. Immerhin können soziale Initiativen langfristig neue Menschen, Ressourcen und eine offene Kultur der Zusammenarbeit auf dem Land hervorbringen. Gleichzeitig stellen jedoch die Unterhaltung historischer Räumlichkeiten als Arbeits-, Wohn- und Veranstaltungsorte sowie der Mangel an passenden Fördermitteln und an Flexibilität bei Umbauregelungen große Herausforderungen für diese Initiativen dar.

Die Sommerschule hat viele neue Einblicke und Denkanstöße geliefert. Wir danken unseren SprecherInnen und GastgeberInnen für die inspirierende und inhaltsreiche Woche sowie auch dem großartigen Cateringteam aus dem Hof Göbitz, das mit leckerem und abwechslungsreichem Essen – teilweise aus selbst gesammelten Wildfrüchten und Wildkräutern – für das leibliche Wohl gesorgt hat.

Sunna Kovanen, Susanne Kalka, Stefan Haunstein

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